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Mennonitentum in der Ukraine. Schicksalsgeschichte Sagradowkas., Dr. Dietrich Neufeld, 1922
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ehr die Entwicklung aufgehalten und je weniger die Volks-
maffe der Bildung zugeführt worden ift. Demzufolge mußte
die ruffifche Revolution verhängnisvoll werden. Das ift
tatfächlich eingetroffen.
Verwirrung der Gemüter, Verrohung der Inftinkte,
bedauerliche Unwiffenheit, aufgepeitfchte Leidenfchaften, —
alles das waren augenfällige Erfcheinungen beim Ausbruch
der Revolution. Sie machten während der Uebergangszeit
zu neuen Zuftänden ein ordnungsmäßiges Leben unmöglich.
Das Alte war unwiederbringlich vergangen, und ein neues
Leben mit ihm entfprechenden Gefetzen konnte nicht alfo-
gleich anerkannte Geltung finden. Die große Bewegung
wuchs auch ihren neuen Führern über den Kopf, und fo
herrfchte zeitweilig jenes Chaos, jene Anarchie, die wie ein
verheerender Wirbelwind im Lande wüftete und die Menfchen
zu Hunderten und Taufenden — Schuldige mit Unfchul-
digen — dahinraffte.
* *
*
An einem Vorfrühlingstage des Jahres 1920 befand ich
mich im Kaftenwagen auf der Landftraße, um am Abend
des zweiten Reifetages nach meiner Heimat Sagradowka zu
kommen. Die Reife von der Altkolonie am Dnjepr nach
Sagradowka am Ingulez war zu diefer Zeit ein größeres
Wagnis als ehemals eine Amerikareife. Die Unficherheit der
Straßen machte das Reifen in der Tat unheimlich. Täglich
kamen Morde vor in den Gegenden, die zu den Operations¬
gebieten des Bürgerkrieges gehörten, Es gab hier noch
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keine befeltigte Gewalt. Aber mit unwiderstehlicher Not¬
wendigkeit zog es mich nach der Heimat, da ich von furcht¬
baren Ereignillen gehört hatte, die lieh dort bereits vor vier
Monaten zugetragen haben lollten.
Mein Fuhrmann hatte Pferde, die ihm niemand neidete,
und er lelber glich eher einem Zigeuner, als einem Menno-
niten aus der Alt-Kolonie. Er hatte drei oder vier Röcke
übereinander angezogen, um trotz der Löcher die Blößen
des Leibes überall zu verdecken. Unter der abgetragenen
Schildmütze fah das lonnverbrannte, magere Gelicht hervor,
umrahmt von einem ungepflegten, grauen Bart. Die kleinen,
verhärmten Augen verrieten vollends, daß er zu den Aermften
des Landes gehörte. Ich lelber Iah auch einem Burfchuj
(Bourgeois), wie jeder Nichtarbeiter verächtlich genannt wird,
wenig ähnlich in meinen lackleinenen Kleidern.
Nur dielem Umltande war es zu verdanken, daß wir
zwei Tage ungehindert auf der Landltraße fahren durften.
Das Ziel unlerer Reife war nicht mehr fern. Aber die
Sonne neigte lieh Ichon Itark dem Horizonte zu, und die
kleinen Pferde trabten immer unwilliger. Die Sonne ging
unter, als wir das Rullendorf Schelternja am Ingulez
erreichten. Jenleits des Fluffes lag Ichon das Gebiet der
M
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[Mennonitentum in der Ukraine. Schicksalsgeschichte Sagradowkas., Dr. Dietrich Neufeld, 1922. Книга описывает историю меннонитской общины Саградовки в Украине в период революции и гражданской войны 1919–1920 гг. Автор, меннонитский священник, детально излагает пережитые соб] Dr. Dietrich Neufeld Mennonitentum in der Ukraine Schicksalsgeschichte Sagradowkas 19 2 2 Digitized by the Internet Archive in 2019 with funding from John and Mary A. Yaremko Foundation https://archive.org/details/mennonitentumind00nava_0 Mennonitentum * in der Ukraine. Schicksalsgeschichte Sagradowkas. Von Dr. Dietrich Neufeld. 19 2 2 Selbstverlag. Emden, GroЯe OsterstraЯe 37. Alle Rechte Vorbehalten. Copyright by Dr. Dietrich Neufeld, Emden, GroЯe OfterltraЯe 37. Gedruckt in der Druckerei M. Wilkens, Emden. Von dens…