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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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al, am 23. September 1919.
So! Ich bin wieder zurückgekehrt in unser Haus.
Es ist doch ruhiger hier oben, als in den Straßen
da unten, wo der Strom durchziehender Bewaffneter
nicht aufhört.
14
Ich lebe. Kaum ift es zu glauben, daß man lieh
retten konnte. Ich fchreibe im Finftern. Licht würde
uns hier oben hinter den Birnbäumen verraten. Es
tritt immerhin von einem Auftritt zum andern oft eine
Paule von einer halben Stunde ein. Ich muß mir’s
vom Herzen herunterlchreiben, felbft wenn ich es
fpäter auch nicht alles entziffern könnte Mir ift beim
Schreiben, als Ipräche ich mit jemand, der dies alles
nicht erlebte, deffen Seele allo frei ift, um mir einen
Teil des allzu Schweren abzunehmen. Vielleicht ftürmt
die Fülle der Erlebniffe Itärker auf mich ein als auf
andere; ich muß mich losfehreiben von der Laft.
Wo war ich? Habe ich geträumt, was mir fo
fchwer im Gemüte liegt? Ich entfinne mich nun ganz
genau des Vorgangs. Die Töchter meines Kollegen
kamen geftern zu mir und baten mich, in ihr Haus zu
kommen. Der Vater war geflüchtet weil man ihm am
erften nachftellen würde. Sie wüßten nicht, ob er enL
kommen oder vielleicht auch in ihre Hände gefallen war.
Es gab keine Ueberlegung für mich. Es war ein
weiter Weg dorthin. Ich fand die Frau mit ihren drei
erwachsenen Töchtern und dem 15jährigen Sohn in
einem troftlofen Zuftande. Sie waren befonders fchwer
getroffen. Ihr Haus war größer und fchöner als die
meiften Nachbarhäufer, ein zweiftöckiges Einfamilien¬
haus im wefteuropäifchen Vorftadtftil. Es hatte die
nieiften Banditen, die nun zu Taufenden unferen Ort
erfüllten, herbeigeiockt. Sie liefen hier in Scharen ein
und aus. — Ich gehe durch die Zimmer, die ich noch
vor wenigen Tagen fo gaftlich und wohnlich fah. Die
Kleider- und Wäfchefchränke find leer, die Schubladen
der Kommoden aufgezogen. Auf dem Fußboden liegen
die ausgefchütteten Bettfedern, die beim Windzug auf¬
fliegen, fich auf Haar und Kleider fetzen. Wüft ift
alles. Einmal fcheint es, als ob die letzten das Haus
verlaffen. Wir treten zufammen, und ungewollt faffen
fich unfere Hände. Das ftärkt unferen Mut.
Da erfchallen barfche Rufe vom Hofe her. ,,Wo
ift der Hauswirt!“ Ich trete vor. Es find Reiter, die
Einquartierung begehren. Der Hof füllt fich mit
Reitern und Wagen. Es ift ein Schreien und Fluchen,
ein Brechen an Zäunen, ein Raffeln mit Waffen, daß
unfere Faffung ins Wanken kommt, die Nerven zittern.
Die Familie umdrängt mich ratlos. Die Töchter
werfen fich mir um den Hals. „Sie kommen“!
15
„Helfen Sie uns“! „Es ift aus mit uns“! Von mir
erwarten lie Hilfe, drum
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…