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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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vermochte ich in dielem
Augenblicke mehr, als ich je geglaubt hätte. Der
Gedanke, daß ich helfen, daß ich einen Ausweg
finden muß, reißt mich heraus aus dem Gefühl der
Hilfloligkeit. Ich glaube lelblt an mich. Ich kann
meine Erregung zügeln, kann ihnen Trolt zufprechen,
ohne wirklich zu willen, wie Hilfe gebracht werden
kann, denn ein Wiederltand muß hier ebenlo nutzlos
lein, wie Don Quichotes Kampf gegen die Windmühlen,
Ich möchte mir gern den leelilchen Vorgang
erklären. Es war wohl das dumpfe Gefühl: dies ift
der Höhepunkt unlerer Leiden, weiter geht es nicht:
mehr können wir leelilch nicht ertragen; jetzt muß es
abnehmen; eine Entlpannung muß eintreten — - oder
es gibt einen Ruck, und wir lind über die Grenze
der Möglichkeit einer noch höheren Anlpannung
hinaus . . .
Aber ich habe in der Folge einlehen müllen,
daß der Menlch mehr zu ertragen vermag, als er lieh
im normalen Zultand vorftellen kann. Bald Itrömen
polternd und fluchend neue Banditen ins Haus. „Aha“,
triumphieren lie, „hier find wir im Haule eines Reichen.
Wo ift der Hausherr?“ Mit erzwungener Ruhe er¬
kläre ich: Hier wohnt ein Lehrer, ein Mann im Dienfte
des Volkes. Er ilt in Schulangelegenheiten nach der
Stadt gefahren und hat bisher nicht zurückkehren
können. Ich bin Mitbewohner dieles Haufes“. Sie
glauben es nicht, zerftreuen lieh aber beutegierig in
alle Zimmer.
„Da ein Klavier! Wer Ipielt darauf? Hierher,
ihr Dirnen, spielt uns vor!“ Die zweite Tochter des
Haufes, ein tapferes Mädchen, Icheint niemand zu
fürchten. Wahrlich, lie lieht heldüch aus, als sie,
ihren Blicken trotzend, ans Klavier tritt Sie öffnet
das erste zur Hand gelegene Notenbuch und spielt
aus einer Bach-Arie, während staubbedeckt die wilden
Gesellen rund herum Platz nehmen. Zurückgelehnt,
die Beine vorgestreckt, hören sie mit verschränkten
Armen einen Augenblick zu; dann aber springen sie
auf mit dem sogenannten dreistöckigen Fluch von
der genotzüchtigten Mutter Gottes. Einen frohen
Tanz begehren sie, eine Polka Mazurka. Das Mädchen
behauptet, keine Tanzmelodie spielen zu können. Sie
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tritt zurück vom Klavier in furchtbarer Erregung, denn
die Töne der Muiik greifen an die tiefften Tiefen der
Seele und drohen die ieeliiche Spannung, mittels deren
wir uns Beherrichung aufzwingen, zu löfen, was einer
Verzweiflung gleichkommen muß.
Alle Zimmer find angefüllt von Räubern. Die
Gier nach Koftbarkeiten beherrfcht fie reitlos, und
jeder will dem andern zuvorkommen. — Es wird
Abend, und Licht begehren fie. Alan iieht fie in
Gruppen am Büffet, wo fie Gläier herauslangen und
am Fußboden zerichmettern. Wenn ein
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…