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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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Gegenhand
iilbern auslieht, verfchwindet er in der Taiche oder
dem Vorhemd. Andere fuchen den Bücherschrank ab.
Die Bücher werfen fie von den Brettern oder ver¬
gnügen iich damit, fie aus den Einbänden zu ichleudern.
Einer hämmert an der Nähmaichine; andere ichneiden
das Tuch von der Sofapolfterung. Immer wieder
werden Schränke, Kommoden und Betten durchiucht.
In der Speisekammer und im Keller ift ein wüfter
Tumult. Sie fordern dort in diefer Jahreszeit den
ganzen Wintervorrat an eingemachtem Obit. Sie koiten
von allen Speifen und werfen, was fie nicht aufeffen,
zum Fenfter hinaus.
Wir itehen dabei und denken: diefes oder jenes,
was wir brauchen, bleibt vielleicht unbemerkt. Man
hat bei der ftets uniicheren Zeit einige Veritecke, aber
kein Raum, kein Eckchen bleibt verborgen. Schließlich
£eht uns das in dieiem Augenblick nicht io hart an,
Das Leben fteht auf dem Spiel. Dann wird der Beiitz
wertlos. Wir wiifen auch, daß durch Einipruch gar
nichts zu retten ift.
Die hereinbrechende Dunkelheit veritärkt das
drückende Gefühl. Es ift fchrecklich und unheimlich
zugleich. Wir treten hinaus vor die Haustür und
hören Schreien, Rufen, Schüffe, Wehklagen. Selbit
die Tiere werden unruhig. Kühe brüllen, Schweine
grunzen. Wäre erft die fchwarze Nacht vorbei!
Da kommen zwei Reiter im geitreckien Galopp
auf den Hof. Wüite Geiellen. Einer fteigt ab und
tritt auf mich zu in einer Weife, als begehre er meinen
Kopf. Er durchiucht meine Taichen, behält Melier,
Uhr, Zündhölzchen und foricht lange, wer ich fei. Er
iieht, daß ich der Vater dieier Familie nicht fein kann
und verlaugt den Hausherrn zu fprechen. Er ift nicht
hier. Aus den Augen des Inquiiitors bricht wilde
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Wut. Er vermutet Vater und Söhne in den Reihen
der Kadetten — {einer Gegner. Ich ioli dafür büßen.
Zuvor {oll ich mit Namen nennen, wer als Freiwilliger
bei General Denikin dient. Tatsächlich weiß ich
keinen einzigen bei Namen, denn wenige Tage erit
bin ich in dielem Orte. Man hält meine Auslagen für
Ausflüchte und meinen Ausweis für gefähcht. Man
droht mir den Tod an mit der zynilchen Redensart,
mich in das Generalquartier Duchonins, eines im
Kriege verhaßten und während der Revolution um¬
gebrachten Generals, zu befördern. Diefe Drohung
wiederholen fie oft, damit ich die deutfchen Freiwilligen
ausgäbe. Ich kann niemand nennen; Ichließlich tagen
fie mir, daß lie mich zu Väterchen Machno bringen
werden, der nicht lange zu fackeln pflege.
Jetzt begreifen wir, wer diele unzähligen Horden
anführt. Machno hatte Ichon als Verbündeter der
Bollchewiki in dielem Ort fünf Wochen lang lein
Quartier
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…