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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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ht, daß er einmal Anarchift werden könnte.
Ich mache mir Gedanken darüber, was die Umltände
aus einem Menfchen machen können. Ich erwäge,
ob es nicht auch in Wefteuropa möglich wäre, daß
viele brav und, wie man lagt, gut lind, iolange die
gefelllchaftliche Ordnung als unumftößlich gilt, [ie
aber haltlos mitgerihen werden, fobald die Ordnung
durchbrochen ift.
Die Töchter des Haules treten an mich heran
und wir [teilen an uns die bange Frage, was der
heutige Tag bringen würde. Unfere Blicke [uchen
den Weg ab, der von Weiten kommend, in unter Tal
führt. Den Weg waren geftern unfere Peiniger
gekommen. Er war leer. Wir hoffen, daß nun die
Gefahr vorüber ift. Meine Schützlinge atmen auf.
Wir begrüßen den fonnigen Sonntag wie Neugeborene.
Freilich lag der Schreck noch in den Gliedern. Auf
der Straße ertönen noch ab und zu Rufe, Pfiffe und
Schübe. Es waren die Letzten, die Zurückgebliebenen.
So glaubten wir.
Eine halbe Stunde fühlen wir uns uns felber
zurückgegeben. — Plötzlich aber erfcholl des Nachbars
Stimme an unferm Fenfter : „Sie kommen fchon
wieder! Diele Nacht hat es fünf Tote gegeben“,
fügte er hinzu und rennt in großen Sprüngen wieder
auf feinen Hof.
„Fünf Tote“? geht es von Mund zu Mund. Wir
fpähen auf den Weg. Wie ein fchwarzes Ungetüm
drängt es zu uns herab ins Tal. Wir fehen es mit
wachsendem Grauen. Lange ftehen wir — es deucht
uns lange zu fein — und fehen unverwandt auf den
Zug, ob er wohl ein Ende nimmt. Aber felbft nach
einigen Stunden ift der Weg immer noch voll Reiter
und Fuhrwerke. So ift das Maß unferer Leiden noch
nicht voll?
Es währte nicht lange, fo waren alle Straßen,
alle Höfe, alle Häufer von neuem angefüllt von dielen
Gefellen.
Wir haben wieder Befuch im Haufe. Aber heute
konnte die Beutegier nicht mehr geftillt werden und
das bringt fie in Wut, die wir entgelten Sollen. Unfere
Situation ift heute viel bedrohter als geftern. Um
10 Uhr etwa kamen drei Männer, deren finitere
Mienen uns befonders unheimlich erschienen. Die
Abwesenheit des Hausherrn und das Stattliche Aus-
Sehen des Haufes fteigerte ihre Wut. Aber merk¬
würdiger Weife fluchten und Schimpften fie nicht fo
wie die meiften es vorher getan hatten. Das war ein
Ventil für ihre innere Erregung gewefen, und darum
Schienen mir die lauten Gefellen nicht fo gefährlich,
wie diele verbiffenen Gefichter. Sie platzten nur ein
paarmal heraus. „Das ift hier fo richtig das Brutneft
eines Bourgeois“ und „Arm nennen fich diefe Leute“.
Nun wurden fie des fünfzehnjährigen Sohnes gewahr
und befahlen ihm, in das anftoßende Badezimmer
zu gehen. Als eine Schwefte
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…