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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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n nicht wohlgeFinnt iit.
Aber heute, während ich durch die Aefte des
großen Birnbaumes den Ausfchnitt einer lieblichen
Landfchaft iehe, will mir icheinen — und es iit io an¬
genehm daran zu glauben — daß um mich herum
Ruhe und Frieden iit. Ich bin erit einige Tage hier
und kenne die Leute im Tal noch nicht. Ich weiß
nicht, was Fie bewegt, welche Gerüchte im Umlauf
find. Ich will es nicht wihen, Ruhe und Frieden
möchte ich um mich haben.
Aber freilich, alle Begriffe find nur beziehendlich,
Fie haben im Werden der Menichheit nur eine beitimmte
Dauer. Danach werden iie unwahr, denn die Be¬
ziehungen und Zuiammenietzungen der Zuitände und
ieeliichen Potenzen einer Zeitgemeinde find veränderlich.
Meine Begriffe von Ruhe und Ordnung lind hier
andere, als iie vor einem Jahre waren, als ich in
Weiteuropa lebte. Dort nennt niemand Verhältniiie
geordnet, wenn der Zugverkehr beschränkt iit oder
ganz aufhört, niemand iit damit einveritanden, wenn
es keine Zeitungen gibt, daß die Beamten itehlen, daß
allnächtlich Einbrüche Vorkommen, wie wir es jetzt
unter dem Regime des Generals Denikin haben. Aber
es könnte noch ichlimmer iein, wie wir es jetzt ichon
erlebt haben, und darum bezeichne ich dielen Zuitand
mit Ruhe und Ordnung. Ich tröite mich mit dem
Gedanken: Wir leben in der Zeit einer Notgeburt.
Doch halt! Wozu diele ewigen Betrachtungen?
Habe ich nicht ganze Stöße solcher Gedanken über
das Werden unferer Zeit und unlerer Heimat fein
Fäuberlich niedergeFchrieben? !
Ich habe mir diele Ichöne Gegend am Dnjepr
zum Wohnort auserwählt, weil ich müde geworden
bin im ideellen Kampf politischer und fozialer Ideen
und Verluche. Ich bin keiner von denen, die alte
Verhältnisse und Ueberlieferungen zurückbringen
möchten. Nein! Ich halte meine Augen Ftets vor¬
wärts gerichtet. Aber ich möchte einmal abfeits
bleiben, ausruhen, das Erlebte verarbeiten und zur
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Klarheit kommen. Und in den wenigen Tagen, feit,
ich hier weile, habe ich es wohltuend empfunden
daß der Reiz der Landfchaft mich auf ruhige Dinge
lenkt Ich ftand geftern am hohen Felsufer des Dnjepr,
und da feffelte der dunkle Föhrenwald meine Blicke,
wie wenn er Geheimes bergend mich lockte. Ich
konnte nicht hinüberkommen, weil ich die Fähre noch
nicht kenne. Das Wäldchen ift aber von keiner Seite
anders zu erreichen, als daß man über das Waffer
kommt, denn es fteht auf einer großen Infel, die von
zwei Dnjeprarme nmfpültwird. Hier lebten 120 Jahre
lang etwa 30 deutfche Hofbefitzer. Während des
Krieges wurden diefe unfchuldigen Ackerbauer infolge
der verblendeten Hetze gegen Leute deutfcher Ab-
ftammung
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…