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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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as beffer er¬
klären.“ Er holte aus der Tafche ein bedrucktes Blatt
hervor, das ihm zu Zigarettenpapier dienen muß, wie
ich an den Abriffen fehe und hält es mir hin. Sie
können alie nicht gut lefen; ich möchte fo gut fein und
es ihnen vorlefen. Wie Bauern früherer Zeiten kommen
fie mir vor, die fich neugierig und willig um den Vor-
lefer fcharen.
Da hieß es denn, daß es keine ftaatliche Gewalt
geben darf. Niemand foll herrfchen und beherrfcht
werden. Jeder lebt nach feiner Einficht und handelt
nach feinem Gewiffen. Gemeinden dürfen fich nach
Belieben zu Wirtfchaftsverbänden zufammentun, im
übrigen aber müffe unbefchränkte Freiheit walten.
„Glauben Sie,“ warf ich ein, daß|Sie|nach diefen
Grundfätzen handeln?“
„Ja doch!“ betätigte einer energifch. „Es gibt
bei uns keine Herrfcher; wir find alle gleich!“ —
„So?“ ereiferte fich fein Nachbar. „Da unfer Kom¬
mandant, erlaubt er fich nicht, fo klein er ift, uns Be¬
fehle zu erteilen? Es find ftarke Herrfchergelüfte, die
unfere Kommandanten hegen!“
„Wer hat fie gewählt?“ fragte der^Kommandant
triumphierend.
„Ach was, gewählt,“ fchreit jener. „Wenn wir zur
Wahl zufammentreten, fchreit dein Freund deinen
Namen, fo laut er kann, und da er die befte Kehle
hat, bift du eben gewählt.“
Nun geht es heiß hin und her. Zum erften Male
bin ich Zeuge, wie die Anarchie auch ihren Zufammen-
halt zerfrißt. Ich merke, daß die Organifation, fo
mangelhaft fie ift, von den abfoluten Willkür-Anarchiften
läftig empfunden wird. Es ift oft tagelanger Streit
unter ihnen, wenn eine Abteilung die andere an der
Front ablöfen foll, aber endlich müffen fich die Wider-
ftrebenden doch fügen, und das wurmt fie. Es find
primitiv denkende Menfchen, die wohl Rechte, aber
keine Verpflichtungen anderen gegenüber haben wollen.
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Am 20. Oktober.
Unfere Telefonibenabteilung, 8 Mann, ift nun fchon
feit drei Wochen unausgefetzt bei uns. Sie find an-
ftändiger als andere, so weit man von diesen Menfchen
von Anhand reden kann. Auch Nichtbauern find unter
ihnen, sogar ein paar verbummelte Studenten.
Nach und nach werden sie in unserem Hause
zahm. Wir haben bisher ihre Gelüfte, vor allem ihre
Freßgier, füllen können, und nun ziehen lie ihre Raub¬
tierkrallen ein. Unser Hof kann sie nicht reizen, denn
es iit kein Bauernhof mit Viehftällen und Getreide¬
speichern. Sie leben so in den Tag hinein ohne
Bekümmernis. Wenn sie gut aßen, wir ihnen die
Zimmer gut heizten une der Student auf den Taften
des Klaviers hämmert, dann sind sie sogar aufgelegt,
mit den Kindern zu fcherzen. Ab und zu überwinden
wir uns und setzen uns zu ihnen, und
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…