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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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os
faßt er zu. Zuerft erkrankten die Anarchisten. Sie
lagen iu allen Häufern herum, f^und die einheimilche
Bevölkerung pflegte fie. Nun ift derlFunke^auch zu
uns iibergefprungen : Flecktyphus! Ich fprach mit dem
Arzt H. Er betätigte, daß es in den meiften Fällen
Flecktyphus Sei, in den übrigen feiges der Rückfall¬
typhus. Die Krankheit der letzten Art läßt ihren Opfern
nach etwa einer Woche eine Paufe von einigen Tagen.
Das Fieber weicht, die Kranken glauben fich gefund
und beginnen fzu elfen. jDann aberjpetzt das , Fieber
in verftärktem Maße ein. Es ift, wie wrenn die Katze
mit der Maus fpielt. Wenn die Maus f.ch freigegeben
glaubt, ffpringt der graufame JPeiniger" von neuem 'zu
und würgt das hilffofe Tierchen.
Es gibt für “uns kein Entrinnen, denn auch die
Aerzte willen unter den obwaltenden Umftänden kein
Mittel, uns zu fchützen. Abfonderung der Erkrankten
wäre die einzig) mögliche Rettung, aber diele Ma߬
nahme ift gänzlich unmöglich. Die Anarchisten, auch
die kranken, lallen fich nicht aus den Häufern weg¬
tragen. Man hat es verfucht. Zur Zeit ift es fchon
zu fpät. Es ifind ihrer zu viele.
S
57
Von zwei Aerzten liegt der eine fchon krank dar¬
nieder. In der Apotheke gibt es keine Arznei mehr.
Schmerzlich ilt die Erkenntnis, daß wir alle denselben
Schicklai entgegengehen. Früher oder Ipäter muß
jeder daran glauben.
Vorgeltern Itarb einer meiner Kollegen und eine
meiner Schülerinnen, eine achtzehnjährige Seminariltin.
Nur wenige Menlchen begleiteten die beiden Särge auf
den Friedhof. Als wir die Gräber zulchütteten,
merkten wir, wie kraftlos wir ichon lind. Wir konnten
es falt nicht ichaffen.
Das große Leid ift nun in jedem Haufe. Von den
6000 Einwohnern unferes Ortes hat jeder mit den
Kranken zu tun.
Außer den Anarchisten lind bei uns [chon erkrankt
das kleine Töchterchen meines Freundes und die
Großmutter. Bewußtlos liefen die Elenden da im
höchlten Fieber, und wir können ihnen nicht helfen !
Nicht einmal den Arzt können wir zur Beruhigung
herbeiholen. Der eine Arzt, der noch aufrecht ift,
geht von Bett zu Bett und ift bereits fo erfchöpft, daß
feine Erkrankung jeden Augenblick eintreten muß.
*
*
Am 13. November.
Nun ift kein Arzt mehr zu holen. Beide find
gefährlich krank und man fürchtet, daß fie nicht mehr
aufkommen. Außer Frau Grete ?und mir find jetzt
alle krank bei uns. Ich muß zufehen, daß ich morgens
und abends den Ofen heizen kann. Ich fälle bereits
Gartenbäume. Es ift kein anderes Holz vorhanden
Frau Geete plagt fich mit den Kranken ab. Tag und
Nacht mühen wir bei ihnen fein. Nachts ift es noch
fchlimmer a
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[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…