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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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ch — was beginnen? Die Pestilenz haben
sie uns ins Haus gebracht, und nun können wir uns
hinlegen und sterben.
Mich fröstelt’s! ich will rasch einen Zettel an
einen Bekannten schreiben, von dem ich vermute, daß
er noch gesund ist. Wenn er noch lebt, kommt er
uns zu Hilfe . . .
* *
*
Am 2. Februar 1920.
Ich liege in einem andern Hauie. Die Krankheit
ist überwunden. Zwar bin ich schwach, aber ich kann
bereits im Bett sitzen und meine Aufzeichnungen
fortsetzen.
Wie weit liegt die Zeit meiner Erkrankung zurück
Es deucht mir eine Ewigkeit.
Allein die Erinnerung ist mir geblieben, und die
will*ich aufs Papier bannen.
An jenem denkwürdigen Abend, als die Anarchisten
unser Haus dort oben verlassen hatten, wurde nach
langer Zeit unsere Haustür wieder für die Nacht ab¬
geschlossen. Wir waren allein im Haus und fühlten
uns geborgen.
Aber die Krankheit nahm immer mehr von rnir
Belitz. Ich maß die Temperatnr: ich hatte 40,1 Grad.
Ich lag wieder wie in der Nacht vorher ^auf dem Fu߬
boden und konnte vor Raummangel die Füße nicht
ausltrecken. Inr^ dem verlaulten, verlallenen Raum
nebenan wollte ich nicht liegen. Der Geilt jener lolen
Buben Ipukte noch in den Zimmern herum, d. h. die
Erinnerung an lie wirkte beim Anblick der von ihnen
benutzten Gegenltände^ zu Itark und niederdrückend.
A'le^übrigen Zimmer waren in wülter Unordnung
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und konnten auch aus Mangel an Feuerungsmaterial
nicht geheizt werden. Zudem war meine Gegenwart
im Krankenzimmer immer notwendig.
Frau Grete konnte nach Mitternacht auch nicht
mehr aufftehen, wenn eins der Kinder unruhig wurde
oder Fie anrief. Nun lagen wir alle krank : mein
Freund, ieine Frau und beide Kinder, die Großmutter
und eine 15jährige Schülerin, deren Eltern weitab
jenleits vom Dnjepr wohnten.
Das Zimmer mußte raich abkühlen, denn keiner
beiorgte den Ofen. In mir aber itieg die Glut. Ich
hatte die Vorftellung, alles im Kopf löle fich auf in
kleine Moleküle, die in wildem, raiendem, immer lieh
[teigerndem Tempo herumwirbelten. Damit iie mir den
Schädel nicht [prengten, machte ich kalte Umichläge
auf die Stirn. Es war entietzlich heiß. Mit aller Kraft
wollte ich die Belinnung behalten, weil ich die Vec-
antwortung für alle fühlte. Wie viel angenehmer wäre
es geweien, lieh iüßem Vergehen hinzugeben. Der
Flecktyphus raubt [einen Opfern [ehr bald die Belinnung.
Es ilt inlofern eine humane Krankheit. Längh ver-
[chohene Erinnerungen tauchten auf. Ganz lebendig
war die Erinnerung an Gedichte Koltzows und
Pufchkins. Wahrlcheinlich habe ich he hergelagt.
Es war eine furchtbare Nacht! Frau Grete höhnte.
Mein
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…