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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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Freund kam überhaupt nicht mehr zur Belinnung
und warf im Delirium fortwährend die Decke von lieh.
Wieviel Anitrengung koltete es, mich aufzurichten und
den bewußtlos Daliegenden zu bedecken! Die 14jährige
Tochter wollte umgebettet werden, die Schülerin rief
behändig nach Waher und die kleine bereits Genelende
bettelte um Brot. Nach dem Typhus haben die
Menlchen einen unhillbaren Hunger. Die Nöte der
anderen ließen mich meinen eigenen Zuhand etwas
vergehen. Als der Morgen graute, umfing mich die
Müdigkeit [o hark, daß ich Luit hatte, mich der hißen
Bewußtloligkeit hinzugeben; aber plötzlich trat das
Verantwortlichkeitsgefühl wieder vor meine Seele, daß
ich über meine Schwäche heftig erichrak. Ich kam
mir vor wie der Kapitän auf einem untergehenden
Schiff, der bis zuletzt auf [einem Pohen bleibt.
Ich kann nicht weiterichreiben ; ich bin zu [chwach.
Am 4. Februar.
Geltem hatte ich einen kleinen Rückfall. Die
Erinnerung regt auf und tut weh. Heute ift mir wieder
bedeutend heller. — Ich habe einen unltillbaren Hunger,
aber die Leute haben lelber nichts zu eilen. Außer
den drei Kranken lind alle übrigen Genelende und wir
haben Mühe, uns vom quälenden Hunger nicht ganz
beherrlchen zu lallen. So geht’s im Nachbarhaus und
im ganzen Ort. Die ruliilchen Nachbarn fühlen lieh
nicht veranlaßt, den ausgeplünderten Kolonilten Hilfe
zu bringen. Allerdings gibt es rühmliche Ausnahmen.
— Ich habe etwas geruht und fchreibe weiter. Ich
gehe zurück in der Erinnerung. Nach jener falt end-
lolen Nacht kam troltlos der Morgen. Es wurde Tag
im Raum, die Uhr Ichlug neun und niemand Iah nach
uns. Das Zimmer war kalt, die Fenlter waren dicht
hefroren; aber niemand war da, der den Ofen heizte.
Da fiel mir plötzlich ein, daß die Haupttür ver-
Ichlollen war, und deshalb niemand zu uns herein¬
kommen konnte. Wohl mehr als dreimal verluchte
ich vergebens, aufzultehen, die Gegenltände Ichienen
lieh im Raume unlicher zu drehen. Aber Einlicht und
Ueberlegung riefen den Willen an und der zwang die
Leibeskräfte zum Äußeriten. Es gelang mir, mich
notdürftig anzukleiden. Dann taltete ich wie im Taumel
an der Wand hinaus. Mit linkilchem Griff — meine
Erinnerung malt mir meine Ichwankende Geltalt an
die Tür — drehte ich den Schlüllel um und gab der
Tür einen Stoß. Die kalte Außenluft ließ mich
erlchauern. Ich weiß noch genau, wie mir zumute
war, als fei ich ein Fremder, mir lelber fremd. Kaum
überlegend, taltete ich am Zaun entlang bis zum
Nachbarhaus. Ich fragte, ob jemand zu Hilfe kommen
könnte. Auch hier war alles krank. Nur ein junges
Mädchen hielt lieh aufrecht. Sie hatt
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…