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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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tun dort, wo es regelrechte Theater gibt. Nun
aber gehören wir mit zu den Darhellern, und die
Drehbühne hält nicht an nach dem 3. oder 5. Scenen-
wechlel. Wir fpielen weiter, fort und fort. Es ilt so
wie in jenem Märchen von den verhexten Tänzern,
die immerzu tanzen mühen, ohne je aufhören zu können.
Ich wollte auslcheiden aus der Reihe der Dar¬
heller, wollte die Bühne verlahen, aber ich [ehe ein,
daß es unmöglich ih. Die Bühne verlahen, hieße
Rußland verlahen. Wer lagt mir, wie ich aus dielem
Hexenkehel herauskomme?
Vielleicht darf ich folch ein Verlangen nicht
tragen. ,, Unfer Schickfal“ ih das Drama, das wir
fpielen. Möglicherwehe muß eine der taufend Rollen
gerade ich fpielen. Vielleicht bin ich nicht bloß
Statift. Ich weiß nicht, wo die Regie ih. Niemand
weiß es. Als ich hier einen Platz zum Ausruhen
luchte, Spielte ich vielleicht gerade die Rolle, die mir
zugedacht war. Wollte ich denn müßig ausruhen?
Wollte ich nicht an eine schwer aufbauende Arbeit
gehen? Wir wollen Lehrer heranbilden. Ich freue
mich auf diele Arbeit! Wir brauchen Führer, die
unler Koloniitenvolk das Leben bejahen lehren.
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Auch der deutiche Koloniit, der bisher allem
Weltgeichehen fremd gegenüberitand, ift durch den
allgemeinen Aufruhr aufgeichreckt worden. Er hat
nicht mehr die Steppenruhe, lebt nicht mehr in der
Weltabgeichiedenheit, wie ehemals. Die Not lehrt uns
neue Wege gehen, lehrt auch uns den Herzichlag der
Welteinheit fühlen.
Wenn ich die Kennzeichen der letzten Ent-
wickelungsphaie Rußlands zu deuten veriuche, io ahnt
mir von kommenden Ereigniiien, die noch verhängnis¬
voller werden können als alle, die wir erlebt haben.
Die politiiche Atmosphäre ift ichwül: es muß eine
Entladung kommen. General Denikin glaubt, das
Rad der Gefchichte zurückdrehen zu können. Wie
übel ift er beraten! — — —
Ich habe foeben durchgeleien, was ich heute in
mein Tagebuch geichrieben habe und iehe ein, daß es
ichwer ift, fein Denken uud Fühlen freizuhalten von
dem politiichen Geichehen unierer Tage. Unier Kampf
fteht nicht im Zeichen ruhiger Ueberlegung, iondern
im Zeichen leidenichaftlicher Gefühle und erregter
Gemüter.
Chortitza-Rofenthal, am 20. September.
Ich war auf der Infel. Die Fähre ift nur eine
halbe Stunde entfernt von unierm Haustauf der’Höhe
des Abhangs hinterm Birnbaum. T Eine Breiche in dem
hohen Felsufer iit der Ankerplatz für das Fährboot.
Lautlos ftill [war [es, als mich derjichweigfame
Fährmann hinüberruderte. Es war fait die Stimmung
von Böcklins ,,Toteninfel“. Ich ftieg am Infelufer aus
und fchritt ichwer durch den tiefen Sand dem Föhren¬
walde zu. Nachd
Source excerpts
[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…