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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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ab¬
wendbares Bedürfnis für mich, die Erlebnille, die
bohrenden Gedanken und Itarken Gefühle auszulprechen
oder nlederzulchreiben. Meine kleine Freundin, die
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mieh während meiner Krankheit io treu und oft
beiuchte, ift wohl krank geworden. Sie kommt nicht
mehr, Ich iehne mich nach ihr. Ihr reger Geilt, ihr
veritändnisinniger Blick, ihr redliches, keuiches Gemüt
— das fehlt mir. Darum muß ich ichreiben.
Der Flecktyphus ilt eine heimtückiiche Krankheit.
Immer die entietzlich hohe Fiebertemperatur! Allerlei
Wahnvoritellungen gehen einem durch den Kopf. Die
langen, dunklen, ichlafloien Nächte! Wer kann die
vergehen? Mir graute jedesmal, wenn gegen drei die
Nacht auf mich herabfiel. Hätte ich ichlafen können
oder wäre ich beiinnungslos geworden, wie io viele
andere, die Zeit wäre nicht io endlos geworden. Oft
lag ich da und fand mich nicht zurecht. Bald ichien
mir die eine Hälfte des eigenen Leibes nicht mehr zu
gehören; iie ^war mir läitig. Dann wieder befremdeten
mich die Beine, der ganze Unterleib bis herauf zur
Örult, er gehörte gieichiam nicht zu- mir, und das
beengte und quälte.
Aehnliche Empfindungen hatten andere Kranke auch.
* *
*
Am 5. Februar.
Nun frage ich mich: war die Krankheit das
Schlimmlte, was uns in den letzten Monaten betraf?
Kaum ! . . .
Wenn ich höre: heute brachte man 20 Särge an
unierem Hauie vorbei, und geitern waren es 12 —
io regt mich das nicht io auf wie das Gerücht : Sie
kommen wieder, die Anarchisten! Die Gerüchte haben
io viel Wahricheinlichkeit. Sie kamen wirklich wieder.
Dreimal kehrten iie wieder. Warum nicht auch ein
viertes Mal!
Zum letztenmal zogen iie um Weihnachten und
Neujahr plündernd und raubend durch die deutichen
Koloniitendörfer. Die drei Induitrieortichaften kamen
wieder am ichlechteiten weg. Diesmal wurden die
Anarchiiten nicht von den Weißen, iondern von den
Roten, den großruüiichen Bolichewiki, getrieben. Ich
erinnere mich noch ganz deutlich jenes ichrecklichen
Abends, als es uns am ichrecklichiten ging. Es war
der Heilige Abend vor Weihnachten, wenn ionit in
dielen Häuiern der Tannenbaum zu brennen pflegt.
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Weihnachtsftimmung — wo war fie ? ! Wir lagen
alle auf dem Krankenlager. Eine Verwandte, ein
20 jähriges, opferfreudiges Mädchen, in deren Haufe
ich jene erfte verhängnisvolle Nacht im September
vorigen Jahres zubrachte, pflegte uns. Es mag zehn
Uhr gewefen fein, als plötzlich während der ftillen,
dunklen Nacht das Fenfter erdröhnte von fchweren,
wuchtigen Schlägen. Rauhe Männerftimmen befahlen
zu öffnen. Wie eine Taube im Sturm, fo flüchtete die
arme Pflegerin zu mir, die nur zu g
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[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…