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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921
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nicht
kümmern, nur meine positive Arbeit tun. Aber ist
dies Nicht-erkennen-wollen vielleicht auch vergleichbar
mit dem Verhalten vom Vogel Strauß, wenn er bei
Gefahr den Kopf in den Sand steckt? Aber man
sieht ja nur, daß alles schief geht, ohne das min¬
deste daran ändern zu können, denn Vernunft predigt
man in unserm Lande zurzeit umsonst. Erst muß
die Ernüchterung kommen.
*
Chortitza-Rosenthal, am 21. September 1919.
Sie sind da!
Wer sie sind und für welche politische Losung
sie kämpfen — das weiß niemand von uns. Alles
was wir sehen, ist brutaler Wahnsinn, ist Raub,
Mord — einen Deutschen, namens Dick, sah ich
schon erschlagen liegen jenseits des Baches — ist
Schrecken in steigender Potenz ... Ich höre sie
wieder vor der Tür — —
Abends. Zerknüllt hole ich meine Notiz¬
blätter hervor aus dem Versteck. Wie sieht es in
meinem Zimmer aus! Die Schranktüren stehen offen,
die Schiebiaden des Schreibtiiches liegen auf dem
Fußboden. Der Inhalt liegt zeritreut umher, foweit er
nicht mitgenommen wurde.
So lieht es nun im ganzen Haule aus! Wir
haben kaum noch Luit, die gehörte Ordnung wieder
herzultellen.
Wir lind alle lehr aufgeregt. Mein Freund, in
dellen Haus ich wohne, zwingt lieh zur Ruhe. Auch
leine Frau, ein tapferes Weib, beherrlcht lieh, wiewohl
lie den Kleiderraub und den Verlult der Wälche ihres
Mannes lehr hart empfindet; lie weiß, daß dies alles
nicht erletzt werden kann.
Aber, es Iteht noch Unerletzlicheres auf dem Spiel.
Wir haben genuglam erkannt, wie lole die Kugel in
den Mordwaffen dieler Eindringlinge litzt. Wir fühlen
und willen, daß dielen Menlchen unler Leben nicht
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wertvoller erfcheint als einem Sonntagsjäger das Leben
eines Hafen. Es gibt keine Schonzeit für uns, wie
fie in einem geordneten Staate für Menfchen in den
Paufen von einem Kriege bis zum andern doch
befteht. Wen kümmert es, wenn wir unfer Leben ein¬
büßen! Die ältefte Tochter meines Freundes, ein
phantafiebegabtes deutfches Mädchen, empfindet an-
fcheinend in aller Gefahr etwas von Abenteuerluft,
die ihren 14 Jahren zugute gehalten werden muß.
Die kleine Achtjährige ift infolge vieler Krankheiten
ernfterer Natur. Oft blickt fie mit tiefen blauen Augen
den Eltern ins Geficht: fie ftudiert ihre Mienen und
weiß offenbar nicht recht, ob fie wirklich ganz ge¬
borgen ift bei Vater und Mutter. Feinfinnig fpürt fie
das Zittern der feelifchen Atmofphäre im Hause,
nervös fpielen die Fingerfpitzen mit den Enden ihrer
langen, dicken blonden Zöpfe. Großmutter begreift
die ganze Tragweite unferer Situation noch nicht.
Ungehalten ift fie über den frechen Befuch. Ein
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[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…