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Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921

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Mufter der ordnungliebenden deutfchen Hausfrau muß fie dulden, daß ihre Kommode, wo jedes Schächtelchen feit Jahr und Tag feinen beftimmten Platz hat, durch- fucht wird. Sie muß zufehen, wie die Eindringlinge, vorgeblich nach Waffen fuchend, in den Schubladen kramen. ,,Halt“ ruft fie plötzlich dazwischen. „Ich will Ihnen felber alle Schachteln öffnen und jedes Ding zeigen.“ Sie lieht, daß alles durcheinander ge¬ bracht wird, Sie ift alt. Schon müde blicken die Augen. Sie erkennt die wilden Gelichter nicht. Sie hätte jenen Ruf fonft nicht gewagt. Sie verfteht zu¬ dem kein Wort ruffifch und begreift nicht, wie drohend fie fluchen und fchimpfen. Sie greift heuernd ein bei dem Wühlen unberufener Hände. O wie dieser Widerfpruch die verwegenen Räuber reizt! Einer faßt feine Knotenpeitfche und fchickt fielt an, die Alte zu fchlagen. Da bitten Sohn und Tochter für die Mutter und reden dann auf diefe ein, das Unabwendbare gefchehen zu laffen. Da fagt fie kurz in ihrem Plattdeutfch: he wöat nich fchlone. (Er wird nicht zufchlagen). Sie hat manchen Tand im Laufe des Jahres als Andenken für fich zurückgelegt. Sie will nicht leiden, daß ihrem Alter keine Achtung gezollt wird, daß vieles in die Tafchen der Räuber wandert, vieles auf den Fußboden gefchleudert und zerfchmettert wird. 12 Sie gebietet Einhalt. Das ift zu viel! „Tritt zurück, alte Hexe!“ ruft ein Bandit und fchwingt das Gewehr von der Schulter. Er richtet den Lauf auf die Großmutter. Da tritt mein Freund vor und lenkt auf diefe Weife den Mordbuben auf fich. Er bittet für feine Schwiegermutter. Fluchend ftößt jener die Frau mit dem Gewehrlauf nieder; fie ftürzt zurück und finkt wie geiftesabwefend hintenüber. Wie bei heiterem Wetter eine Heufchreckenwolke auf einen Getreideacker verheerend niederfällt und in wenigen Stunden die Ernte mit Halm nnd Aehre vernichtet, — fo find wir mitten im vermeintlichen Frieden überfallen worden. Ich kann mir kaum Rechenfchaft darüber geben, was heute war. Das Erlebnis ift fo groß, daß es mir vorkommt, als fei der Tag endlos. So weit zurück liegt alles, was frühmorgens gefchah. War es denn heute, als mein Freund mit mir das Phänomen der Steppe, den Sonnenaufgang, begeiftert fchaute? Und war es heute, als wir im Seminar in außergewöhnlich gehobener Stimmung waren und ich Gedichte vortrug? — Ja, es war heute! Am Nachmittag ging ich dann hinaus, um die hundertjährige Eiche, einen außergewöhnlich hohen Baum, zu befehen. Dort war es, als wir plötzlich einen Kanonenfchuß hörten. Beim zweiten horchten wir erregt auf, und begaben uns beim dritten auf den Heimweg

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[Ein Tagebuch aus dem Reiche des Totentanzes, Dietrich Neufeld, 1921. Дневник меннонита Дитриха Неуфельда, описывающий трагедию колонии Чортитца во время правления Махно в 1919-1920 гг. Автор документирует насилие, грабежи и убийства, направленные пр] Ein Tagebuch aus dem Reiche des TOTENTANZES Selbltverlag des Verfahers Dietrich Neufeld, Emden Alle Rechte Vorbehalten 19 21 Druckerei M. Wilkens, Emden V DK 5 Og .2 l ! 37 J*- ' hi- * . ** i'* <*- 'S" Vorwort. Ich ruf es in die Welt hinaus, Und mag es laut und schrill ertцnen, Und tuts den zarten Ohren weh Ich kann dem Drang nicht wehren! Des Herzens Not verlangt Gehцr, Die Welt, sie muss es hцren! Denn unsrer Seelen Not ist schwer; Es muss der Schrei die Lцsung bringen ! Es ist notwendig, daЯ die Welt erfahre, wie es in jenem, gleichiam ve…